Autofahren in der DDR von Reiner Drogla

Eigentlich ist es unpassend, dass ich über Autos eine Geschichte schreibe. Für mich sind Sie ausschließlich Transportmittel, nicht mehr und nicht weniger. Es mag aber jüngeren Generationen vermitteln, mit welchen heute kaum begreiflichen Problemen sich ihre eigenen Eltern bzw. Großeltern noch herumschlagen mussten.

Es begann bereits mit dem Wagentyp selbst. Neufahrzeuge waren teuer, überdies erst nach längerer Wartezeit erhältlich. In den 1980ern rechnete man für den Trabant 10-12 Jahre, für „richtige“ Marken deutlich länger. So bürgerte es sich ein, dass man bald nach Geburt eines neuen Erdenbürgers auf dessen Namen eine Autobestellung aufgab. Meist blieb also die Alternative Gebrauchtwagen, welche immer mal unter der Hand verkauft wurden, oft zu stolzen Preisen. Ein Bekannter erhielt z. B. von einem Berufskollegen aus der Werkstattbranche 1986 einen über zehn Jahre alten, allerdings in gutem Zustand befindlichen Lada zum „Freundschaftspreis“ von 21 000 Mark, Neupreis: 20 400 Mark!

Ebenso wenig reibungslos lief es mit der Aufrechterhaltung der Fahrtüchtigkeit. Die Instandhaltungs-Probleme in der damaligen DDR sind bekannt, sie zogen sich eben durch fast alle Lebensbereiche. Ein Werkstattbesuch kam für uns nicht in Betracht, an Gefährten älteren Typs machte sich niemand die Hände schmutzig. Längst wurden auch keine Teile mehr hergestellt, gebraucht waren sie jedoch nicht allzu schwer erhältlich. Als z. B. Bremsbacken für unseren P 70 fehlten, kaufte ich preiswert gleich einen kompletten noch notdürftig fahrbereiten Wagen einschließlich vieler Ersatzteile. So war man selbst der Mechaniker, hin und wieder halfen fachkundige Bekannte. Das passte zur m. o. w. erzwungenen Selfmade-Mentalität der DDR. Ersatzteile für aktuelle Typen sind stets großer Engpass gewesen, weil es einfach nicht genug gab. Eigene Reparaturaktionen relativieren sich ohnehin etwas. Die Fehlersuche gestaltete sich meist unkompliziert, auch waren Kleinteile austauschbar, man musste nicht gleich in umfangreiche und teure Baugruppen investieren. Ohne Diagnose-Laptop und Spezialwerkzeuge konnte man fast alles selbst bewerkstelligen, bis zum Wechsel von Motor oder Getriebe.

Die 60 km Fahrt zu meinen Eltern bedeuteten eine große Tour. Daher war vorher eine Durchsicht am Fahrwerk und im Motorraum fällig. Mancher hatte sich dazu eine Rampe oder Montagegrube gebaut. Stets fehlten irgendwelche Schrauben oder Muttern, war etwas undicht usw.; Austausch defekter Zündkerzen war eine regelmäßige Tätigkeit. Bei unserem IFA F 8 (20 PS!) kochte heimwärts nach der langen Steigung ab Rauschwitz am Burkauer „Semmerring“ regelmäßig der Kühler. Das gelockerte Lüfterrad hatte früher mal die Frontseite des Kühlers „verschmiert“.

Bei größeren Reisen führte man je nach Befürchtung vor Reparaturen (bzw. vor Werkstattbesuchen, wo natürlich kein Material vorrätig gewesen wäre) neben Werkzeug, Draht und Schrauben alle möglichen Ersatzteile mit: Vorderachsschenkel, Kreuzgelenke, Brechstange (zur Montage); Strumpfhose oder Perlonstrümpfe (= Dederonstrümpfe) eigneten sich als Not-Keilriemenersatz. Man nahm solche Autos sowieso oft nur, wenn es lohnte, es gab ja genügend öffentliche preiswerte Verkehrsmittel. Wenn ich etwa aller 2 Wochen selbst nach Bischofswerda fuhr, machte ich mir zuvor einen Plan, was alles zu erledigen ist. Im Winter meldete ich Auto und Moped ab, es sparte Steuern und Versicherungsbeitrag.

Trabant war eine Art Volkswagen der DDR, neben seinem größeren Bruder, dem „Wartburg“. Als Besonderheit bestand seine Karosserie weitgehend aus einem gewebeverstärkten Duroplastwerkstoff. Blech war in der DDR noch knapper als Erdöl. Den Gebrauchswert minderte das nicht sonderlich, trotzdem hatte der Trabi alle möglichen Spottnamen: Chemieblase, Leukoplastbomber (Leukoplast = Heftpflaster-Typ), Rennpappe, Karton de Blamage… Seine 26 PS empfindet man aus heutiger Sicht zwar lächerlich, in einem IFA-Prospekt von 1985 stand jedoch „Aus 594,5 ccm bringt sein Kraftpaket 19,1 kW … Leistung“. Zweifellos wäre die auch heute für Kleinwagen ausreichend und damit beim aktuellen Stand der Technik wohl mühelos ein 1-Liter-Auto möglich. Aber da das nur mir und einigen wenigen Anderen genügen täte, kriegt man so ein Sparmodell nicht zu kaufen. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf unsere verschwenderische Gesellschaft, wo Ressourcenschutz für Kinder und Kindeskinder ein Fremdwort ist.

Nach über zehn Jahren Wartezeit kam unsere Autobestellung zur Auslieferung. So hatten wir 1989 noch kurz vor der Wende einen fabrikneuen Trabi, den wir allerdings noch 10 Jahre fuhren. Nebenbei ersparte er uns die damals häufigen Reinfälle mit Gebrauchtautokäufen aus dem Westen. In der Neuzeit erst verachtet, ist der DDR-Klassiker mittlerweile über Deutschlands Grenzen hinaus zum Kultobjekt geworden. Dies lässt sich kaum besser als mit folgender Begebenheit demonstrieren:

Unser Imkerverein organisierte Mitte der 1990er Jahre ein Treffen. Zu Besuch kamen per Bus Schweizer Vereinsfreunde mit Ehefrauen. Im Programm stand eine Exkursion in das nur mit PKW erreichbare Innere des Waldgebiets Königsbrücker Heide. Meine Frau und ich fuhren mit unserem Trabant, wir halfen, die Verpflegung zu gewährleisten. Im Wald ging es dann um das Mitnehmen von Leuten zum Kaffeetrinken. Dieses fand ebenfalls in der Heide statt, auf einer kleinen Lichtung. Da ich niemandem die Mitnahme in unserem armseligen Gefährt antun wollte, gingen wir bescheiden zum Auto, um allein zu fahren. Es gab genügend andere Fahrzeuge. Völlig unerwartet kam es zu einem regelrechten Ansturm der Schweizer, die alle nur im Trabi sitzen wollten. Wir mussten mehrmals fahren, die anderen PKW blieben unterbesetzt. Man wartete lieber oder ging uns ein Stück entgegen, bis wir vom Abliefern der vorherigen Besatzung zurückkamen. Nach Beendigung des Kaffeetrinkens wollten wir uns nach dem Aufräumen ebenfalls noch eine Weile zu einem Kaffee hinsetzen. Während des Bedienens hatten wir ja keine Zeit. Aber bald kam ein Schweizer fragen, wo der Mann mit dem Trabant sei, der am Waldrand wartende Busfahrer wolle auch mal mitfahren. So fuhr ich denn zum Bus und ließ den Fahrer nach kurzer Einweisung gleich selbst ans Steuer. Der war selig und wurde von allen Seiten gefilmt und fotografiert.

Dem Trabant unseres Sohnes, damals Lehrling, ging auf dem Weg über Naundorf in die Zwiebackfabrik Neukirch einmal das Benzin aus. Er stieß zurück in eine Feldabfahrt und fuhr den relativ steilen Berg rückwärts hoch, da so der Rest Benzin noch in den vorn am Tank sitzenden Auslaufstutzen lief. Von den Gickelsberghäusern konnte er bis in den Betrieb ohne laufenden Motor rollen.

Reiner Drogla, 70 Jahre

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