Das Beet von NR (außer Wertung)

Es war kalt an diesem 24. November und ein leichter feuchter Nebel lag über meinem Garten hinterm Haus. Neugierig blickte die Nachbarin aus der 37 in meine Richtung. Sie schien etwas verwirrt. Ihre Augen bewegten sich unwillkürlich von rechts nach links wie bei einer Zugfahrt, bei der man abwesend aus dem Fenster schaut um das Gesehene möglichst lange auf der Retina zu halten. ‚Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen mein Hochbeet am Totensonntag mit neuer Erde zu befüllen?‘, dachte ich in diesem Moment. Zumal die Katze meiner Nachbarin seit einer Woche als vermisst galt. Sie war wirklich hässlich. Die Katze. Meine Nachbarin auch. Ab und zu kamen Ihre beiden Enkel zu Besuch. Ich nannte sie immer Hänsel und Gretel. Heute trug sie eine aus meiner Sicht etwas zu luftige Schürze, mit einem großen Aufdruck in Brusthöhe: „Beer Me – You’re still ugly“. Ich vermutete eine späte Rache ihres Sohnes, da sie des Englischen nicht mächtig ist. Ihre Frisur war noch nicht für den Tag hergerichtet und der feine feuchte Nebel sorgte dafür, dass die Haare wie nasse Bindfäden am Kopf und im Gesicht klebten. In der rechten Hand trug sie ein Seniorentelefon mit extra großen Tasten. Somit war sie jederzeit in der Lage die Polizei zu rufen, sollte der Verdacht entstehen ihre Katze wäre im Hochbeet des Nachbars begraben worden.

Durch das offene Küchenfenster, welches sich direkt über dem Hochbeet befand, hörte ich die Klingel meiner Wohnungstür. Ich lief um das Haus und begrüßte Polizeiobermeister S. Richter und die Polizeimeisteranwärterin J. Lieblos. Sie tat mir sofort leid. Noch keinen Stern auf der Schulter und dann dieser Name: „Lieblos“. „Hoffentlich müssen sie nicht mal bei ElitePartner ein Profil erstellen.“, versuchte ich die augenscheinlich angespannte Stimmung etwas aufzuhellen. Fehlanzeige. Der Obermeister strafte mich mit strengem Blick und erklärte mir mit einer Stimme, die ganz gut zu diesem kalten Novembermorgen passte, dass ein anonymer Anruf zu seinem Besuch geführt habe. In der Gegend sei eine Katze verschwunden und er würde sich gerne mal in meinen Garten umschauen. Als ich ihn daraufhin fragte wie er den Begriff „Gegend“ geografisch so präzise eingrenzen konnte, dass nur noch mein Haus übrig blieb, erntete ich einen weiteren strafenden Blick und wir gingen gemeinsam in den Garten. „Katzenpisse“, rutsche es aus mir heraus. S. Lieblos schaute mich verwundert an. „Dieser Geruch“, sagte ich, „der kommt aus dem abgelagerten Rindenmulch.“ Wir gingen an einem Berg Holzschnipsel vorbei und seit mehreren Wochen roch dieser nach dem Urin niedlicher Miezekatzen. Erst nach dem plötzlichen Verschwinden des Nachbartieres drang das Aroma von frisch geschnittenem Holz wieder an die Oberfläche. Wir bogen um die Ecke des Hauses und Obermeister Richter ging zielstrebig auf mein Hochbeet zu. Wir folgten ihm. „Wie ist ihr Verhältnis zu Katzen?“, fragte er und in diesem Moment fiel mir auf, dass ich noch das T-Shirt des gestrigen Abends trug. Achtziger-Jahre-Party bei Alex. Kult. Kein Mainstream, mehr so Indie-Kram. Allerdings hatte ich eines meiner Lieblingskleidungsstücke rausgekramt und so präsentierte mein Oberkörper stolz den Seriengott dieser Dekade: ALF. Die Alternative wäre noch ein „Baywatch“-Shirt gewesen, allerdings mit einer sehr freizügig gekleideten Pamela Anderson darauf und ich war schließlich mit meiner Frau unterwegs. Außerdem hatten wir November und meine Motivauswahl orientiert sich gerne an dem Rhythmus der Jahreszeiten. Ganz davon abgesehen wäre Polizeimeisteranwärterin S. Lieblos vom engen Badeanzug der Rettungsschwimmerin sicherlich irritiert gewesen. Ich ließ also die Frage des Polizisten nach meinem Verhältnis zu Katzen unbeantwortet, da auch er inzwischen mein T-Shirt bemerkt hatte und die Serie scheinbar kannte.

„Ist das neu?“, fragte der Obermeister und deutete auf mein Hochbeet. Wir standen nun rund um diesen Holzkasten, der seit gestern mit frischer Erde gefüllt war. Der leichte Nebel hatte sich inzwischen in einen Nieselregen verwandelt. Die Frisur meiner Nachbarin hatte endgültig den Kampf gegen das Wetter aufgegeben und ihre Haare lagen nun flach wie ein Waschlappen an der Kopfhaut an. Sie versuchte anonym zu wirken und drehte uns ihre linke Seite zu, als wäre sie zufällig mit einer bescheuerten Schürze bekleidet und einem Seniorentelefon bewaffnet in ihrem Garten gestrandet. Der graue Himmel, der feine Regen, die gedrückte Stimmung, wir drei und die frische Erde in meinem Hochbeet. ‚Jetzt fehlt nur noch ein Trompeter, der ‚Ich hatte einen Kameraden‘ auf der B-Trompete spielt‘, schoss es mir durch den Kopf, ‚oder besser ‚Katzenklo‘ von Helge Schneider‘ und ich musste Schmunzeln.

„Die Erdbeerernte im letzten Jahr war sehr gut.“ Ich versuchte die Stimmung mit diesem Satz etwas zu heben und den Schwerpunkt unserer minimalistischen Unterhaltung auf meine gärtnerischen Fähigkeiten zu lenken, als meine Nachbarin mit ihrer zerrigen Stimme laut „Mörder!“ rief. Mit den nachfolgenden Worten „Letztes Jahr wurde auch schon eine Katze vermisst!“ rückte sie meine demonstrierte Freude über die gute Erdbeerernte absichtlich in das falsche Licht. Polizeiobermeister S. Richter sah mich stirnrunzelnd an und steckte seine rechte Hand in die frische Erde meines Beetes. Sie war feucht vom Regen und so kam er gut vorwärts. ‚Das hat etwas leicht Erotisches‘, dachte ich und blickte S. Lieblos an. Sie errötete und schaute verlegen auf ihre Schuhe. Ihr Kollege schien auf eine seltsame Art und Weise Gefallen am Graben zu finden und nahm seine zweite Hand, um die Chance auf einen möglichen Erfolg zu verdoppeln. Mein Blick fiel auf meine Nachbarin. Sie schien ebenfalls erregt zu sein und ihre Körpertemperatur stieg so sehr an, dass die Feuchtigkeit auf ihrem Kopf zu verdampfen begann. Leichter Rauch stieg auf.

„Möchte jemand?“, fragte ich und holte meine Zigaretten raus. Lieblos lehnte kopfschüttelnd ab und Richter, inzwischen mit hochrotem Kopf und beiden Armen tief in der Erde versunken, schaute mich wieder strafend an. Dann eben nicht. „Ich habe auch Schaufeln.“ Diesem Satz verlieh ich stimmlich einen Hauch von Ironie. Er führte jedoch dazu, dass jetzt auch die junge Anwärterin ihre Hände in die Erde tauchen musste und nun zwei Polizisten am Totensonntag mein Hochbeet umgruben. Genüsslich zog ich an meiner Zigarette, bis plötzlich Lieblos auch noch farblos wurde. Ihre Hände blieben förmlich stecken um dann langsam, Zentimeter für Zentimeter tiefer in die Erde zu tauchen. Spontan erinnerte ich mich an die Schlussszene des Filmes „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ aus den Siebzigern und stellte mir vor, wie diese junge Polizistin plötzlich in mein Hochbeet gezogen würde. S. Lieblos brachte aber nur einen Stock hervor, welcher nicht einmal annähernd aus dem Skelett einer Katze hätte stammen können und ihr Gesicht erhielt wieder etwas Farbe.

Schulterzuckend in Richtung meiner noch immer dampfenden Nachbarin, beendete der Polizeiobermeister die Grabungen und mit einem prüfenden Rundumblick brach er den sonntäglichen Einsatz ab. Ich bot freundlich meinen Gartenschlauch zur Reinigung an und begleitete die beiden noch bis an mein Gartentor. Die ebenfalls gut gewachsenen Rosen neben dem kleinen frischen Erdhaufen am Rande des Weges bemerkte niemand.

Ich ging nochmal zurück in den Garten, um die aufgewühlte Erde in zu glätten. ‚Vielleicht baue ich im kommenden Jahr ein weiteres Hochbeet‘, dachte ich und mein Blick fiel auf meine sichtlich enttäuschte Nachbarin. Ich schätzte ihre Größe auf circa 1,70 Meter.

NR, 46 Jahre

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