Ein Leben mit Garten von Christian Müller

Als ich 1935 meinen ersten Schrei tat, besaß Großröhrsdorf zwar schon elf Jahre das Stadtrecht, war aber noch sehr dörflich geprägt, insbesondere die Niederstadt, wo wir bis 1945 wohnten. Sie wurde allgemein das Niederdorf genannt und wir Kinder waren die Niederdorfschen. Wie in Dörfern üblich, gehörte zu unserem Haus eine Wiese und ein Garten. Zudem bewirtschaftete mein Vater noch einen Schrebergarten. So kam es, dass ich von Kindesbeinen an schon mit Gartenarbeit vertraut war.

Dann kam eine erste große Zäsur in meinem Leben. In den letzten Kriegstagen wurde neben vielen anderen auch unser Haus in der Niederstadt zerstört. Im Stadtzentrum fanden wir eine neue Bleibe, jedoch mit der dörflichen Idylle war es nun vorbei. Aber der Schrebergarten war geblieben, wurde aufgrund der damaligen Versorgungslage beinahe überlebenswichtig und deshalb sehr intensiv bewirtschaftet. Auch als Kind musste ich dabei kräftig mit anpacken, was mir sicher nicht immer gefallen hat. Aber da gab es keine Widerrede und außerdem sah man, dass es anderen auch so erging.

Aus dem Kind wurde ein Jugendlicher und schließlich ein Erwachsener, wobei Schicksalsschläge nicht ausblieben. Aber deshalb den Garten aufgeben, war keine Option. Es fand sich immer die Zeit, diesen so „in Schuss zu halten“, dass bei den jährlichen Gartenbegehungen kein ernstlicher Tadel ausgesprochen werden musste.

Dann kam die Zeit, einen eigenen Ehestand zu gründen. Meine Frau, zwar in der Großstadt Breslau geboren, ist aufgrund der damaligen Umstände aber auf dem Lande aufgewachsen. So war es völlig normal, dass wir als junges Ehepaar den Garten gemeinsam bewirtschafteten und später auch unsere Kinder an die Gartenarbeit heranführten, wie es unsere Eltern auch mit uns getan hatten.

Eine zweite große Zäsur gab es 1975 – unser Umzug nach Bischofswerda. Eine Vierraum-wohnung mit Fernheizung war uns angeboten worden. Wer konnte da widerstehen, wurde doch eine solche Wohnung gern mit einem Fünfer im Lotto verglichen. Das hieß aber zugleich, Abschied vom Garten in Großröhrsdorf zu nehmen. Ein Leben ohne Garten war aber für mich nicht vorstellbar. Zwar war er nicht mehr überlebenswichtig wie in den ersten Nachkriegsjahren, aber noch sehr nützlich für die Bereicherung der eigenen Obst- und Gemüseversorgung, denn diese ließ oft noch zu wünschen übrig.

Doch wie sollte ich zu einem Garten kommen? Zwar gab es Kleingärten in der Stadt, aber auch Wartelisten, die nach Jahren bemessen waren. Da kam mir eine Idee. Unser neues Zuhause lag doch nahe Belmsdorf. Sollte dort nicht ein Stück Land zu finden sein? Als neu Hinzugezogener hätte ich wohl keine Chance gehabt. Aber Harald Haufe, unser Transporttechnologe im späteren Mähdrescherwerk, wohnte in Belmsdorf. Also Harald so lange beknien, bis er fündig wird.

Da gab es am Wesenitzhang ein Stück Land – die Belmsdorfer nennen es „Am Heidehübel“ – das aus der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausgegliedert worden war, da maschinell nicht bearbeitbar. Für zwei Pfennig Pacht pro Quadratmeter bauten die Belmsdorfer dort Gemüse, Kartoffeln und Rüben für den Eigenbedarf an. Zwar war das Land schon lange aufgeteilt, aber Johann Gottstein, ein Bauer aus dem Riesengebirge, der 1945 vertrieben worden war, bei Schmelzer Arbeit gefunden hatte und am Heidehübel auch ein Stück Land bewirtschaftete, wollte aus Altersgründen etwas abgeben. Das war Harald´s und damit meine Chance!
So gab es keine Unterbrechung unseres Gärtnerns, denn schon im Herbst des Umzugsjahres bestellten wir das erste Stückchen Gartenland am Wesenitzhang. Nach und nach gaben Gottsteins mehr von ihrem Land ab und im gleichen Maße vergrößerte sich unseres bis auf 500 Quadratmeter. Da hat man schon zu tun, zumal wir neben der eigentlichen Gartenarbeit noch Wege, Terrassen, Schuppen, Laube usw. gebaut haben sowie Obstbäume, Beerensträucher und eine Hecke gepflanzt haben. Da kamen schon mal 340 Stunden im Jahr zusammen, die ich im Garten gearbeitet habe, nicht gerechnet die Zeit, die meine Frau mit geholfen hat.

Der Aufwand hat sich aber gelohnt. Unsere vierköpfige Familie einschließlich der beiden Omas wurde allmählich zum Selbstversorger bei Obst und Gemüse, später auch noch bei Kartoffeln. In Geld ausgedrückt waren das bis zu 1.200,- DM, später 600,- €, die wir pro Jahr erwirtschafteten. Hinzu kommt noch der gesundheitliche Effekt. Ich führe es mit auf die Gartenarbeit zurück, dass ich zurzeit noch so „gut drauf“ bin. Habe den Garten immer „mein persönliches Fitness-Studio“ genannt.

Aber alles hat seine Zeit. Unsere Familie wurde kleiner, bis nur noch ich übrig geblieben bin.
Schon lange kann ich nicht mehr alles verbrauchen, was der Garten hergibt. Deshalb gebe ich das meiste weg. Da zugleich meine Kräfte deutlich nachlassen, verwildert der einst gut gepflegte und intensiv genutzte Garten immer mehr. Eine Gartenbegehung würde er nicht mehr ohne deutlichen Rüffel überstehen. Deshalb werde ich mich in absehbarer Zeit von einem liebgewordenen Stück Lebensqualität verabschieden müssen, nachdem ich 75 Jahre in der Erde gebuddelt habe, manchmal erzwungen, aber meistens mit Freude am Schaffen. Da kommt schon etwas Wehmut auf.

Aber so sollte meine Geschichte nicht enden. Rufen wir uns lieber einige lustige Erlebnisse zurück, die wir mit unseren Kindern und Enkeln im Garten hatten. Als beispielsweise im Großröhrsdorfer Garten der kleine Roland den beginnenden Austrieb des Rhabarbers aufgrund seiner Form und rötlichen Farbe zu Ostereiern erklärte und sich vergeblich mühte,
diese einzusammeln. Oder wie Annelore mit bald 14 Jahren die Arbeit, die wir ihr zugeteilt hatten, plötzlich unterbrach und mit lautem Juchzen Purzelbäume den Hang hinab machte. Die reine Lebensfreude. Oder als ich Enkel Martin zum ersten Male mit auf eine Leiter genommen hatte und er zu Hause ganz stolz seinen Eltern erzählte, er sei mit Opa „ganz hoch in die Luft“ gestiegen.

Schließlich noch Enkel Viktor, der einst Schatzausgräber werden wollte. Ich nahm eine Blechbüchse, legte einige alte Geldstücke hinein, vergrub diese und hieß ihn, dort nach einem Schatz zu suchen. Er war ganz aufgeregt, als er mit dem Kinderspaten auf etwas Hartes stieß und noch aufgeregter, als er den vermeintlichen Schatz in den Händen hielt.

So hatten wir neben der Arbeit auch viele schöne Erlebnisse im Garten, die mir eine bleibende Erinnerung sind.

Christian Müller

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