Allein am Bach von Carmen Kutsche

An diesem Morgen schaut die Sonne kurz vor der Leipsbergsiedlung über den Horizont. Schon wieder ist sie ein Stück in Richtung Herbst gerückt. Ganz links, über Kriepitz, geht sie im Sommer auf. Mit der Sonnenwende tritt sie ihre Wanderung, Richtung Winter, wieder an. Aber noch ist es nicht soweit. Heute wird wieder ein schöner, sonniger Tag. Grund genug, um in den Wald zu wandern. Also den Rucksack gepackt und los. Meine Tour führt mich zum Steinbruch in Kindisch, auf den Hochstein.

Schweiß rinnt mir langsam übers Gesicht. Stetig geht es bergauf, am Steinbruch vorbei. Hier verweile ich kurz und schaue fasziniert in die Tiefe. Dabei denke ich mir die Maschinen weg und stelle mir vor, wie hier nur mit Muskelkraft Granit abgebaut wurde. Was der Mensch so alles schaffen kann. Weiter führt mich mein Weg und endlich kann ich ins Dunkel des Waldes eintauchen. Frisch und kühl ist es hier. Noch ist die Wärme hier nicht eingedrungen. Zeit für eine kleine Rast. Auf einen Baumstamm sinkend, genieße ich mein Essen und die Landschaft vor mir. Es ist still und doch nicht still. Kein Autolärm, die Windräder in der Ferne sind klein, wie die Windmühlen aus meiner Kindheit. Doch rings um mich her herrscht rege und „laute“ Betriebsamkeit. Die Bäume wiegen sich sacht im Wind, leises Rascheln in den Wipfeln, ein Knarzen in den Stämmen. Mancher ächzt ob seines Alters. Neben, hinter und unter mir sind Heerscharen von Ameisen, Käfern, Spinnen und sonstigem Getier unterwegs. Über den Feldern flimmert die heiße Luft und weit oben steht rüttelnd ein Bussard, scheinbar regungslos, am Himmel. Mehrere Milane ziehen lautlos ihre Bahnen. Plötzlich Lärm und Getschilpe. Ein Schwarm Stare fliegt schimpfend hinter ihnen her. Die Milane ignorieren das Gelärme und schrauben sich in weiten Kreisen immer höher ins Blau des Himmels.

Doch weiter geht’s. Immer den Eistannenweg entlang, zu meinem Ziel, dem Goldflüssel. Ein Besuch lohnt sich vor allem an so einem sonnigen Tag, wie heute. Ich erinnere mich, wie ich als 8-jährige zum ersten Mal hier war. Mein Opa hatte mich mitgenommen und dabei sehr geheimnisvoll getan. Und Geheimnisse locken vor allem Kinder an. Da sehe ich den kleinen Bach schon vor mir. Leise plätschernd sucht er sich seinen Weg vom Hochstein herunter. Verschwindet manchmal unter Farnen und Laub vom vorigen Jahr. Diese Stellen, wo es hoch liegt und das Wasser sich staut, sind mein bevorzugtes Spielgebiet. Bewaffnet mit einem Ast, fische ich das Laub heraus, entferne den Stau und freue mich, wenn das Wasser seiner Sperre verlustig, rasch und leise plätschernd abläuft. Ein Stück oberhalb des Weges ist der sandige Grund des Baches zu sehen. Durch die Bäume huschen Sonnenstrahlen und zaubern vergängliche Muster auf den Waldboden. Doch wenn sie den Grund des Baches streifen, dann fängt dieser an zu glitzern und zu gleißen. Wieder, ich weiß nicht zum wie vielten Mal, zieht es mich in seinen Bann. Fasziniert beuge ich mich vor, um nur ja alles zu sehen. Da, da ist es wieder, dieses Flimmern von kleinen Goldflittern, welche den Grund des Baches bedecken. Man möchte hineinfassen und alle aufsammeln. Doch was so verheißungsvoll aussieht, ist nur eine Laune der Natur, ganz einfach aus Granit ausgewaschener Glimmer. Völlig banal, zu nichts nütze und ziemlich simpel. Trotzdem sitze ich völlig versunken da und kann meinen Blick nicht abwenden.

So allein am Bach sitzend, bin ich auch dort nicht allein. Im Gras und auf den Farnen ist reges Leben. Eine Spinne repariert ihr Netz, während ein kleiner roter Käfer kurz an diesem vorbeischrammt. Es zittert leicht und die Spinne geht in „Hab-acht-Stellung“. Zum Glück kann der Käfer sein Beinchen vom klebrigen Netz lösen und eilt hurtig davon. Die schillernde Fliege aber hat nicht so viel Glück. Strampelnd hängt sie fest, bis die Spinne auf sie zuschießt und beginnt, sie in ihre Fäden einzuwickeln. Den Frosch auf der anderen Seite des Baches habe ich schon eine Weile im Auge. Sollte er sich auch nur ein Stück auf mich zu bewegen, bin ich weg. Ich mag keine Frösche. Doch er scheint es zu ahnen und bleibt ruhig in der Sonne sitzen. Neben mir geht es auch recht geschäftig zu. Ameisen eilen hin und her, transportieren Tannennadeln und tote Käfer in Richtung ihres Ameisenhaufens. Andere tragen die weißen Puppen, ihren Nachwuchs, geschäftig ins Innere. Ein Stück daneben mühen sich drei von ihnen mit einer toten Wespe ab. Eine Tannennadel liegt im Weg, aber nach einer kurzen „Lagebesprechung“ per Fühlerkontakt, umrunden sie diese. Nun bemerke ich erst, wie nah ich an dem Haufen sitze, und das auch ich regelrecht bestiegen werde. Also springe ich auf, schüttle die Ameisen ab und setze mich an eine andre Stelle, wo ich nicht im Weg bin.

Mein Blick gleitet wieder über das Wasser. Von rechts sieht man kleine, fast unsichtbare Wellen kommen. Der Verursacher ist ein Wasserläufer. Leichtfüßig wie ein Skifahrer gleitet er dabei über die Oberfläche. Wenn man genau hinschaut, sieht man die kleinen Dellen, wo seine Füßchen einsinken.

Dann erliege ich doch der Versuchung und tauche meine Hand ins Wasser, hole eine Handvoll Sand heraus, um mir das Glitzern von Nahem anzusehen. Doch der Zauber verfliegt in dem Moment, als meine Hand aus dem Wasser kommt. Nur noch Sand mit silbernen Plättchen. Vergangen das Glitzern und Blinken. Ich lasse den Sand zurück ins Wassser gleiten und meine Phantasie wieder spielen.

Langsam wird es Zeit den Rückweg anzutreten. Ein letzter Blick streift den Glimmer am Bachgrund und mir entweicht ein leiser Seufzer. Manches Problem ließe sich lösen, wäre es echtes Gold. Nicht mehr nachdenken, ob das Geld noch bis zum Monatsende reicht. Aber Träume sind Schäume.

Wind ist aufgekommen und lässt die Wipfel der Bäume schwanken. Knarzend und ächzend reiben sie sich aneinander. Seltsam, wie laut Bäume sein können, oder unterhalten sie sich auf diese Weise? Da es jetzt bergab geht, habe ich schnell den Waldrand erreicht. Als ich aus dem Wald heraustrete, ist die Sonne schon ziemlich weit gen Westen gewandert. Ich schaue über die Felder und Wiesen unter mir und die laute, hektische Welt hat mich wieder. Von rechts höre ich das gleichmäßige Brummen der Autobahn. Unter mir auf der Straße, lärmen Autos und dazwischen brummen Traktoren. Ein letzter Blick geht zurück zum Hausberg von Rauschwitz, dem Hochstein. Jetzt muss ich heim, aber ich weiß, ich komme wieder!

Carmen Kutsche, 58 Jahre

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