Wie „Schiebock“ zu seinem Namen kam von Anneliese Wolf

Über 790 Jahre ist es nun her, dass unsere wunderschöne Stadt Schiebock gegründet wurde. Schieb(-b)ock? Oh, verzeihen Sie, lassen Sie mich erklären, wie unsere Stadt Bischofswerda zu ihrem Beinamen kam.

Gern durchstöbere ich meine alten Fotoalben. Meine Familie ist mein ganzer Stolz und besonders meine Enkelin Christin. Früher war sie jedes Jahr hier in Bischofswerda und gemeinsam verbrachten wir wundervolle zwei Wochen Sommerurlaub in Schiebock. Die Stadt ist eine grüne Oase mit vielen Bäumen und Teichen, hier kann man den Sommer so richtig genießen. Die meiste Zeit habe ich mit meiner Enkelin im Garten verbracht. In einer Wanne hat Christin gebadet und wir hatten alle unseren Spaß. Damals brauchten wir keinen Computer, um glücklich zu sein.

Durch den Wald führt eine wunderschöne Allee zum Horkaer Teich. Der Tierpark öffnete damals am 31. August 1957, 15:00 Uhr die Tore für Besucher. Er ist ein Kleinod inmitten der Stadt, lädt Jung und Alt zu einem tierischen Erlebnis ein. In naturnahen Gehegen leben ca. 200 Tiere in 60 verschiedenen Arten. Vor allem die Bären locken jährlich zehntausende Besucher in die ein Hektar große Anlage. Gern erinnere ich mich auch zurück an unsere zahlreichen Tierparkbesuche. Denn dort wollte meine Kleine immer liebend gern hin. Sie tollte stundenlang mit den Ziegen im Streichelgehege herum und war vom Braunbärengehege gar nicht mehr wegzubekommen.

Meine Christin ist heute eine junge Frau und lebt in Berlin. Was ich bisher nicht wusste, war eben jene Schiebocker Liebesgeschichte.

Berlin Lichtenberg: Geschafft kam Christin nach Hause, stellte ihre Tasche ab und ließ sich auf die Couch sinken. Hier wohnte sie. Sie drehte ihren Kopf zum Fenster und betrachtete die Metropole schlechthin. Berlin ist aufregend und für sie genau der richtige Ort, um sich im Berufsleben zu etablieren. Ihr Herz zog sie in Gedanken immer wieder zurück in ihre Heimat nach Sachsen.

Bautzen, Leipzig und Dresden waren unumstritten genauso schön wie Berlin. Ihre Oma Anneliese lebt in Bischofswerda, 152 km entfernt von ihrer Heimatstadt Eilenburg (bei Leipzig).

Um in Berlin glücklich zu werden, fehlten ihr nur noch ein paar Bekanntschaften. Ihre Schwester erzählte ihr von einer Handy-App, bei der man Leute in unmittelbarer Nähe kennenlernen kann. Gesagt, getan! Christin installierte sich die App auf ihrem Smartphone und begann, ein paar Leute in ihrer Nähe zum „spielen“ einzuladen. Darunter war auch Pascal.

7,3 km weiter, Berlin Prenzlauer Berg: Pascal, ein Tourist in Berlin, bemerkt mit einem Mal ein Klingeln in seiner Hosentasche. Sofort wusste er, es war die App zum Verlieben! So oft hatte er schon mit anderen jungen Frauen geschrieben, sich mit ihnen getroffen, aber letzten Endes war er immer leer ausgegangen „Vielleicht dieses Mal“ dachte er sich und schaute eifrig auf das Display. Er sah auf dem Profil eine blonde, hübsche junge Frau, die ihm eine Spielanfrage schickte. Lächelnd spielte er mit ihr ein paar Runden. Nach einigen Wochen waren sich die beiden schon sehr vertraut, so dass es nach 2 Monaten ein erstes Treffen gab.

Entschuldigen Sie meine Unterbrechung in dieser Liebesgeschichte. Ich muss Ihnen unbedingt berichten, dass meine Enkelin mir damals erzählte wie sie ihren jetzigen Freund Pascal kennenlernte.

Ich war anfangs ganz und gar nicht von dieser „App“, also einer Applikation auf dem Telefon, begeistert. Allerdings, erzählte sie mir, sei es viel angenehmer mit jemandem zuerst zu schreiben und sich so kennenzulernen, als im Café zum ersten Date zu sitzen und nur peinliche Stille um sich herum zu haben. So lernte sie Pascal kennen und die beiden verstanden sich von Anfang an prächtig, muss ich Ihnen sagen. Anfangs spielten sie, anschließend wollten sie sich besser kennenlernen und schrieben miteinander. Bis sie sich dann einander so sympathisch waren, dass sie telefonierten und sogar skypten. Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass mir der Begriff „Skype“ unbekannt war. Meine Enkelin erklärte es mir: Durch diese App konnte Christin mit Pascal nicht nur telefonieren, sondern ihn dabei auch sehen. Es ist eine Videotelefonie-App. Erst einige Wochen später folgte dann das erste richtige Treffen außerhalb der sozialen Netzwerke.

Als ich mein Fotoalbum schloss, ging ich noch im nahegelegenen Lutherpark spazieren. Mein Rückweg führte mich über den schönen Markt, mit dem Bäcker, bei dem meine Enkelin immer Milch-Brötchen holte, vorbei am Café Kalt, in dem das Eis so gut schmeckt wie nirgends sonst und über die Brücken, unter denen sich der Fluss Wesenitz entlang zieht. Es sollten noch einige Monate vergehen bis ich meine geliebte Enkelin wiedersehen würde. Denn spätestens zu meinem Geburtstag würden alle Verwandten mich besuchen kommen.

2016, Bischofswerda: „Du wirst schon sehen, Bischofswerda ist wunderschön und nervös brauchst du auch nicht zu sein, meine Oma Anneliese ist der liebste Mensch in ganz „Schiebock!“  sagte Christin zu ihrem Freund Pascal, der nur mit seinem „du und dein Schiebock“ erwiderte. Bei Oma Anneliese angekommen gab es Kaffee und Kuchen und einen Haufen Fotoalben. Schließlich musste Oma Anneliese den Freund ihrer Enkelin auf die Schiebocker Sehenswürdigkeiten aufmerksam machen. So kam es zu einem Nachmittags-spaziergang auf dem Schiebocker Markt. Sie zeigte ihm das Schiebocker Rathaus, den Bäcker und nicht zu vergessen die Schieböcke auf dem Marktplatz.

„Das ist das Rathaus und darunter der Bäcker und da drüben sind unsere Schieböcke, denn dafür ist Schiebock bekannt.“  sprach Oma Anneliese, ganz in ihrem Element, von ihrem Heimatstädtchen. „Jedes Jahr im Juni finden hier auf dem Markt die „Schiebocker Tage“ statt. Höhepunkt dabei ist das „Schiebock-Rennen“ erzählt sie stolz. Glücklicherweise hat sie viele Fotos gemacht, die Pascal sich später in Ruhe anschauen kann.

Pascal konnte die Euphorie von Oma Anneliese nicht richtig teilen. Er stand wie verloren gegangen da, mitten auf dem Schiebocker Markt. Da war es schon wieder, das ganze Schiebock hin und Schiebock her, verwirrte ihn nur noch mehr. Die „Schiebocksche – Tour“ von Oma Anneliese wurde durch eine entscheidende Frage von Pascal auf ein neues Level gehoben und unterbrochen.

„Was bedeutet eigentlich Schiebock? Oder … doch Schiebbock?
Zur Erklärung erinnert sich Oma Anneliese was sie im Tierpark auf einem Schild gelesen hat:

Bischofswerda ist bekannt für seinen Schiebbock – oder aber auch Schiebebock. Eigenartig, dass man den Namen nur mit einem „b“ schreibt. Hat das Transportmittel der Hausierer und kleinen Händler, das auch gleichzeitig Verkaufsstand war, wirklich bei der Namensgebung Pate gestanden?

Es gibt eine Reihe von Sagen als Erklärung, aber keine ist so recht schlüssig. Hinzu kommt, dass der Schiebbock in vielen anderen Orten die gleiche Bedeutung wie in Bischofswerda hatte, aber sich keiner „Schiebock“ nennt. Der Name wird weder in der Mittagschen Chronik (1861) noch im „Sächsischen Erzähler“ (1846 – 1945) genannt. In der Mitte des letzten Jahrhunderts war er bekannt, wurde aber selten genutzt. Erst nach der Wende entdeckte man, dass hieraus ein Werbeartikel gemacht werden kann und „Schiebock“ wurde vor allem in den Medien regelrecht überstrapaziert.

Die einzig logische Erklärung für den Namen findet man bei Prof. Schuster-Sevc. Er führt die Entstehung auf einen sorbischen Begriff „pri boku“ zurück, was so viel wie „an der Seite“ (des Flusses Wesenitz) bedeutet. Ähnlichkeiten haben sich auch in anderen Orten der Lausitz erhalten und sind direkt in die Ortsnamen eingegangen. Da noch bis 1900 in Nachbarorten wie Pohla und Schmölln sorbisch gepredigt wurde, liegt die Annahme nahe, dass die überwiegend Deutsch sprechende Bevölkerung Bischofswerdas mit der sorbischen Bezeichnung nichts anfangen konnte und diese auf ihre Weise erklärte.

Bewiesen ist keine dieser Erklärungen und deshalb sollt man auch weiter den Schiebock als Werbesymbol nutzen, aber auch immer auf die logischere Erklärung verweisen.

„Also ist der Schiebock eigentlich eine Schubkarre“, stellte Pascal korrekt fest. „Bei mir Zuhause in Bad Säckingen haben wir nämlich ähnliche Schubkarren als Liegestühle im Park stehen, wie hier auf dem Markt“ erzählte Pascal. „Diese bequemen Liegestühle wären doch eine tolle Idee für Schiebock“ stellt Pascal fest. „Schiebock hat viele schöne Parks, wie den Lutherpark und den Schillerpark, hier könnten die „Schiebocker Sonnenbänke“ stehen“.

Bad Säckingen, die Hauptstadt von Pascal, liegt im Dreiländereck im Südschwarzwald und wird auch Trompeterstadt genannt. „Wir haben dort vielleicht keinen Schiebock, aber dafür die längste gedeckte Holzbrücke Europas, die über den Rhein führt“ und das Schloss Bad Säckingen, erklärte Pascal stolz.

Oma Anneliese war schnell beeindruckt von dem Freund ihrer Enkelin und war froh, was er doch für ein toller Junge ist. Träumerisch betrachtete sie das Pärchen, das händchenhaltend auf dem Schiebock saß.

Sie freut sich, dass Pascal ihr Heimatstädtchen näher kennenlernen durfte. Bischofswerda war schon immer ihre Traumstadt gewesen und nun konnte sie das junge Liebespaar durch die Stadt begleiten. Als Pascal nach Sehenswürdigkeiten Schiebocks fragte, sprang Oma Anneliese auf und rief: „Lasst uns zum Tierpark gehen!“ Am liebsten wäre Oma Anneliese vom Markt hinunter zum Tierpark gerannt, aber das junge Pärchen ließ sich bei ihrer Schiebock-Romanze nicht stören. Erst als sie den Tierpark betraten, lässt Pascal die Hand seiner Christin los und stürmte zu den Stachelschweinen, diese Tiere findet er besonders toll.

Lange besichtigten sie am Geburtstag von Oma Annelies den Tierpark, dann machten sie sich auf dem Heimweg zur gemütlich eingerichteten Wohnung. Schließlich waren die restlichen Gratulanten mittlerweile eingetroffen.

Im Fotoalbum findet man jetzt viele Bilder von Christin und Pascal, zu jeder Jahreszeit und immer mit dabei   –   der „Schiebock“.

von Anneliese Wolf

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